Eröffnung des außerordentlichen Generalkapitels
Mit einer feierlichen heiligen Messe wurde heute das Generalkapitel der SJM eröffnet. In einem ersten Teil tritt dieses Gremium als „außerordentliches Generalkapitel“ zusammen, um auf unseren 3½ jährigen Reflexionsprozess zurückzublicken und seine Ergebnisse zu sammeln. In einem anschließenden zweiten Teil tagt das Gremium als Ordentliches Generalkapitel. Altabt Raimund Schreier OPraem vom Stift Wilten, der unseren Reflexionsprozess als Apostolischer Assistent begleitet hat, hat in seiner Predigt der Eröffnungsmesse das außerordentliche Generalkapitel mit folgenden Worten unter den besonderen Schutz der Mutter vom guten Rat gestellt:
Liebe Mitbrüder!
Die letzten drei Jahre waren für euch alle sehr anstrengend und mühsam. Denn neben der üblichen Arbeit im Weinberg des Herrn, habt ihr intensiv im Reflexionsprozess über euer Charisma nachgedacht und überlegt, was für die Zukunft wichtig sein wird. Ihr habt euch beraten. Ihr habt auch bei anderen — wie z.B. bei den Jesuiten – Rat eingeholt. Das braucht es im ganzen Leben: Ihr habt in euren Pfarreien Pfarrgemeinderäte, Pfarrkirchenräte; ihr habt — wie der hl. Benedikt sagen würde – den „Rat der Brüder“. So schreibt er in seiner Regel, dass der Abt bei wichtigen Entscheidungen im Kloster alle zu Rate ziehen muss, auch die Jüngsten, da „Gott oft einem Jüngeren eingibt, was das Richtige ist.“ Er mutet also auch einem jüngeren Menschen zu, was einen guten Ratgeber ausmacht: Ein weises Herz, weiten Blick, Klarheit, Klugheit, Umsicht und Einfühlungsvermögen.
Wir sagen ja im Deutschen „Mit Rat und Tat helfen“: d.h. mit allen, einem zur Verfügung stehenden Mitteln helfen. Die Zwillingsformel „Rat und Tat“ meint eigentlich, mit materiellen und immateriellen Gütern zu Hilfe kommen. Denn Rat war früher alles, was dem leiblichen Leben diente: Hausrat, Vorrat, Geräte, im Gegensatz zu Unrat im Sinne von Schaden oder Verlust.
Aus der älteren Rechtssprache stammt die Wendung „Rat suchen“: Rechtsbelehrung, Hilfe, Ratschläge suchen. Weiß man sich keinen Rat und befindet sich in großer Verlegenheit, dann ist „guter Rat teuer“. Unsere für die Finanzen beauftragten Mitbrüder wissen, wie teuer auch heute Rechtsanwälte, Steuerberatung usw. sein kann. Zählt man in der Bibel die Stellen zusammen, in denen Rat oder beraten aufscheint, so kommt man auf über 200 Stellen. Vor allem in der Weisheitsliteratur findet man viele Ratschläge: „Der Dumme hält sein eigenes Urteil für richtig, der Weise aber hört auf Rat.“ Auch betont die Heilige Schrift: „Achte auf den Rat deines Gewissens. Wer ist dir treuer als dieses? Dein Gewissen gibt dir bessere Auskunft als sieben Wächter auf der Warte“.
Ja sogar das Kirchenrecht schreibt vor: „Alle, deren Rat erforderlich ist, sind verpflichtet, ihre Meinung „sincere“ (d.h. ungeschminkt, ehrlich, aufrichtig und unparteiisch) vorzutragen“ (CIC Can 127, 83), also nicht einfach jemandem nach dem Mund zu reden oder bei allem zu nicken.
Natürlich ist es deshalb nötig, alle, die mitberaten, gut zu hören und deren Rat miteinzubeziehen. Es wird erzählt, dass Bischöfe der ganzen Welt einmal nach Rom zu Beratungen eingeladen waren. Viele Tage hielten sie Rat. Da sagte ein Kardinal zu einem der Bischöfe: „Was ihr da miteinander beratet, ist gut und schön. Aber wissen Sie, das Schlusspapier zum Thema der Tagung liegt schon lange in dieser Schublade bereit…“
Wir sind also gut beraten, auf den Rat anderer zu hören. P. Paul hat vorgeschlagen, diese Eröffnungsmesse zu Ehren der Gottesmutter zu feiern. Sie, die „Mutter des guten Rates“ möge euch in diesen Tagen gute Beratungen erbitten.
Maria ist die schweigsame und schweigende Frau. Sie hört und denkt darüber nach, sie hört und bewahrt alles in ihrem Herzen. Wir haben nur wenige Worte von ihr im Evangelium. Aber diese wenigen sind von grundlegender Bedeutung.
Ihr erstes Wort ist ihr totales Ja zum Plane und zum Willen Gottes. Das zweite spricht sie bei der Hochzeit zu Kana. Sie sah die große Verwirrung und Not und Ratlosigkeit, als der Wein ausging, und sie gibt den Dienern den guten und entscheidenden Rat: „Was immer er euch sagt, das tut!“ (Joh 2,5). Auch dieses Wort entspringt der Sorge für die Menschen. Und dieses Wort rechtfertigt den Titel Mater boni consilii – Mutter vom guten Rat.
Auf beide Worte Mariens antwortet Gott mit einem Wunder. Mit der Menschwerdung und mit der Verwandlung des Wassers in Wein. Liebe Brüder! Auch wir dürfen sie anrufen als Mutter vom Guten Rat. Wenn wir ratlos sind bei Entscheidungen, bei einem Entschluss, wenn wir nicht mehr weiterwissen, rufen wir sie doch öfters an. Ihr Rat ist vor allem: Was er euch sagt, das tut. Sie lehrt uns die Dinge in einem größeren Rahmen zu sehen, eben mit den Augen Gottes. Sie gibt uns den Rat, mehr auf Jesus zu hören. Ihn nennt schon Jesaja den „wunderbaren Ratgeber“ – „admirabilis consiliarius“ (Jes 9,5). Consiliarius ist ja auch ein Ehrentitel bei Priestern. Welch große Aufgabe übernimmt man da!
Wir sind in guter Gesellschaft:
Das Bild Unserer Lieben Frau vom Guten Rat ist seit 1467 in der Augustinerkirche von Genazzano, unweit von Palestrina südöstlich von Rom. Leo XIIl., der aus dieser Umgebung stammte, gab dem Marienfest vom 26. April eine besondere Bedeutung, indem er die Anrufung von der „Mutter vom guten Rat“ in die Lauretanische Litanei aufnahm. Papst Johannes XXIll. machte vor der Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils eine Wallfahrt dorthin. Und Leo XIV. besuchte kurz nach seiner Wahl zum Papst dieses Marienheiligtum, das wie gesagt, von seinen Mitbrüdern, den Augustinern betreut wird. Übrigens ist auch seine Heimatprovinz in Chicago der „Mutter vom Guten Rat“ geweiht.
Maria vom Guten Rat, bitte für uns, besonders in diesen Tagen des Generalkapitels und erinnere uns immer wieder, was du schon den Dienern bei der Hochzeit zu Kana gesagt hast: „Was er euch sagt, das tut!“ (Joh 2,5).
Zur Erinnerung schenke ich Bilder von der Mutter vom Guten Rat aus der Spitalskirche in Innsbruck… Vielleicht könnten wir diesen Satz Mariens als Motto für diese Tage nehmen:
„Quodcumgque dixerit vobis, facite!“ – „Ho ti an lege hymin, poiésate!“ Amen.



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